Immer hart am Wind: (Ein Portrait von Rose Ginster, freie Journalistin)
Die Gesangslehrerin Kati Albert setzt auf Leistung
Nein, sie gehört nicht zu denjenigen, die nicht vom Fleck kommen - sie ist immer schon einen Schritt weiter. Nicht Mangel an Ideen ist ihr Problem, sondern eher deren Überfluss. Die Gesangslehrerin Kati Albert will viel. Sie verlangt viel. Und sie erreicht viel. Stehenbleiben überlässt sie anderen, denn sie gibt sich nicht leicht zufrieden. Aktiv, beweglich, lebendig - das ist der erste Eindruck, den sie vermittelt. Der zweite: anspruchsvoll, fordernd, auch hart, wenn es sein muss: "Ich mache keine Therapie."
Obwohl die Ungarin in Budapest ein Psychologiestudium absolviert hat, bevor sie Gesang studierte, ist die vage Suche nach einer "inneren Stimme" qua Gesangsunterricht ihre Sache nicht.
Sie möchte dass ihre Schüler "von A nach B kommen". Ambitionierte, talentierte Schüler, gerne mit Auftrittswunsch, sind ihr hochwillkommen. Leistungsbereitschaft setzt sie voraus.
Kann man Singen beibringen?
Aber kann man Singen überhaupt beibringen? Und wenn ja - wie? Eigens dafür hat die Sängerin und Musikpädagogin ihr Step-by-Step-Konzept entwickelt: Da wird nicht nur im Einzelunterricht die Stimmtechnik geschult, sondern auch in Workshops Rhythmus und Improvistation geübt. Und im regelmäßigen Live-Musik-Training können die Schüler ohne Publikums-Druck nicht nur an Präsentation und Präsenz arbeiten, sondern auch gezielt mit Profi-Musikern an Stücken arbeiten - Feedback inklusive. Schritt für Schritt erhalten die Schüler so musiktheoretischen Background ebenso wie die Fähigkeit, ihnen gemäße Tonarten auszuwählen, Lead-Sheets anzufertigen, sich mit den Musikern auseinander zu setzen, überhaupt erstmal in ein Mikro zu singen. Und sie werden - step by step - immer wieder ermutigt, auf Individualität zu setzen. Anders als im klassischen Gesang, wo die Sänger einander ab einem bestimmten Perfektionsgrad so sehr ähneln, meint Kati Albert, "dass ihre Stimmen kaum noch unterscheidbar sind", gehe es im Jazzgesang gerade auch darum, die individuelle Stimme erkennbar zu machen: "Je individueller ein Sänger ist, desto kreativer arbeitet er mit dem Material - nach zwei Takten weiß man, wer du bist!"
Vom kreativen Umgang mit der Materie
Kati Albert hält deshalb nichts davon, perfekte Nachahmer auszubilden. Es geht eben nicht nur darum, Melodie und Text zu kennen und den Ton sauber zu treffen. Technik und individueller Ausdruck gehören zusammen. "Kreativität ist das Zauberwort" - und da liegt dann auch die Grenze dessen, was lehrend vermittelbar ist. "Wer singt, muss eine Message haben, etwas ausdrücken wollen", sagt sie. Und zwar etwas Eigenes. Der kreative Umgang mit der Materie - in Ausdruck, Präsentation und Improvisation - setzt die Bereitschaft zur Gestaltung voraus: "Die Leute müssen nicht vom Blatt lesen können, aber sie sollten bereit sein, auch etwas über musikalische Strukturen zu lernen - die Noten zu deuten."
Das heißt aber nicht, das Kati Albert nur große musikalische und stimmliche Talente als Schüler annimmt. Zuverlässigkeit und Engagement sind ihr genauso wichtig. Schließlich hat sie selbst mal klein angefangen: Mit Gitarre und Partner hat sie sich immer wieder per Autostopp durch Europa gewagt - als Straßensängerin. Sie hat gespielt, bis das Geld für den Tag in der Kasse war, step by step und unermüdlich.
Budapest - Berlin: Kulturaustausch à la Kati Albert
Seit fast zehn Jahren pendelt die Mutter zweier erwachsener Kinder wochenweise zwischen Budapest und Berlin. Sie arbeitet in beiden Städten, lebt in zwei Welten. Kati Albert empfindet es auch als Chance, mit derselben Methode in zwei Kulturen zwei Klassen zu unterrichten: Interessante Erfahrungen sind garantiert. Dabei sind bereits zwei Tourneen ihrer ungarischen Klasse nach Berlin entstanden: Ihre deutschen und ungarischen Schüler hatten die Möglichkeit, auf mehreren Festivalbühnen in Berlin, etwa dem Bergmannstraßen-Jazzfest, den Neuköllner "48 Stunden", "24 Stunden Jazz bei Dussmann" oder dem Konzertsommer im Englischen Garten vor großem Publikum aufzutreten. Umgekehrt gab es ein Sommercamp am ungarischen Balaton, wo beide Klassen ihr Wissen vertiefen und gleichzeitig Urlaub machen konnten. Auch die Berliner Sängerbörse ist eine von Kati Alberts "Erfindungen": Über mehrere Jahre hinweg hat sie diesen Talentwettbewerb in renommierten Berliner Jazzklubs wie etwa dem "Quasimodo" auf die Beine gestellt.
Neue Projekte in Vorbereitung
Um sich zu entspannen, geht sie wandern - oder noch lieber segeln. "Ich mag die Unabhängigkeit auf See, ich mag etwas von der Welt sehen, und ich bin sehr naturverbunden", sagt sie. Hindernisse seien dazu da, umschifft zu werden. Dabei macht sie es sich nicht immer leicht. Konflikte sind bei ihrer beharrlichen Arbeit manchmal unvermeidlich, wenn sie ihre Ziele erreichen will. Sie will mehr. Hat Pläne. Ideen. Da befindet sich eine virtuelle Bibliothek im Aufbau, mit deren Hilfe jeder sein Material den anderen zur Verfügung stellen könnte. Geplant sind ein Studiobesuch und ein Vortrag zur Jazzgeschichte. Parallel erwägt sie mehrere Konzepte für einen neuen Gesangscontest. Sie sucht und findet für die begabteren ihrer Schüler immer neue Auftrittsmöglichkeiten- vor allem solche, die nicht den verstaubten Charme des Schülervorspiels einer öffentlichen Musikschule haben, sondern dem Jazz angemessener sind: in Clubs, auf Festivalbühnen, eigenen Konzerten. Und auch auf der Verwaltungsebene hält sie nicht still, sondern versucht - etwa im Rahmen der Berliner Landesmusikakademie - durchzusetzen, dass die überwiegend freiberuflichen Musikschullehrer der Stadt zu Fortbildungen verpflichtet werden - ein Kampf, der ihr nicht nur Freunde beschert.
Bei all dem gilt es, Prioriäten zu setzen - und weise zu sein: "Gebe Gott mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Dieser Satz (nach Chr. Friedrich Oetinger) ist ihr oft ein hilfreiches Motto. Doch bevor sie weiter ins Philosophieren kommen kann, wird sie lieber schnell wieder konkret, hat noch viel vor: "Ich würde gern mehr professionelle Sänger ausbilden und zum Ruhm führen, am liebsten als Lehrerin an einer Berufsmusikschule, oder noch besser an einer der Hochschulen". Kati Albert geht es eben um Qualität. Auf jeder Ebene. Und dafür kämpft sie - step by step.
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